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Ist Jürgen Klopp der „Richtige“?

Jürgen Klopp (2026- ?) „Kloppo“ genannt

Oliver Bierhoff, ehemaliger DFB-Geschäftsführer, macht das Scheitern von Joachim Löw nach der WM 2018 sowie dessen Nachfolger Hansi Flick und Julian Nagelsmann nicht allein an den Bundestrainern, der Aufstellung oder den Rahmenbedingungen fest. In einem erst kürzlich mit dem „KICKER“ geführten Interview vertrat Bierhoff die Ansicht, dass die Mannschaften „drei kompetente und erfolgreiche Trainer verschlissen“ haben. Er sah und sieht die Nationalspieler in die Pflicht- und vermisst vor allem Führungspersönlichkeiten. Das, so Bierhoff, sei ein grund-sätzliches Problem im aktuellen Kader: „Unsere Spieler haben nach wie vor gute Qualität, aber im Vergleich zu Frankreich und Spanien nicht die herausragenden Persönlichkeiten mit hohen individuellen Stärken“. Und ergänzte, dass ein „Persönlichkeits- und Charakter-Thema“ bestehen würde. Bei den beiden Weltmeisterschaften in Katar und den USA habe er zu wenig „Herz, Leidenschaft und Charakter“ wahrgenommen. In schwierigen Turniermomenten habe der Mannschaft etwas gefehlt: „Wir haben sehr professionelle und gute Spieler, aber zu wenige, die Verantwortung und Initiative auf dem Platz übernehmen“.

So ist das, nicht nur im Fußball, es besteht offensichtlich ein Generationenproblem.  Mit seinem „Doppelkader“, so Bierhoff weiter, verbinde Jürgen Klopp eine eindeutige Botschaft. „So wie bisher geht es nicht weiter“. Er, Bierhoff, hoffe, dass sich unter Klopp auch die Hierarchie innerhalb der Mannschaft verändert und wieder mehr Spieler Verantwortung übernehmen. Eine der „grauen Eminenzen“ im Fußball, Matthias Sammer, ließ unmittelbar verlauten, er begrüße die Kritik, fügte aber überflüssigerweise auch an, dass Bierhoff für die „flachen Hierarchien“ beim DFB mitverantwortlich sei. Überflüssig deshalb, weil sich dadurch am Fakt der Aussagen von Bierhoff und dem offensichtlichen Mangel an Spielern, die die Fähigkeit und den Willen haben, eine Führungsrolle in der Mannschaft zu übernehmen, nichts ändert. Bierhoff konterte daraufhin in „BILD“, dass er und Sammer als damalige Funktionäre Teil desselben Systems gewesen seien. Auch hier liegt Bierhoff absolut richtig.   

Es besteht kein Zweifel daran, dass der DFB mit Hansi Flick im August 2021 einen absoluter Top-Trainer als Nachfolger von Löw, der Flick bereits 2006 als seinen Assistenten verpflichtet hatte, gewinnen konnte. Flick wechselte nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 auf den Posten des Sportdirektors bei DFB, verließ dann aber dieses Amt auf eigenen Wunsch, um seine Karriere bei der TSG 1899 Hoffenheim als Geschäftsführer Sport fortzusetzen. Nach kurzer Amtszeit wurde er von Bayern München zur Saison 2019/2020 abgeworben, um Co-Trainer unter Nico Kovac zu werden. Wenig später musste Kovac bei Bayern gehen und Flick übernahm den Trainerposten zunächst interimsweise. Im Frühjahr 2020 unterschrieb er bei Bayern einen Cheftrainer-Vertag über drei Jahre. Flick entwickelte sich beim FC Bayern sehr schnell zu einem absoluten Top-Vereinstrainer. Gleich im ersten Jahr gewann er mit Bayern München das „Sextuple“ aus Meisterschaft, DFB-Pokal, Champions League, nationalem Supercup, dem UEFA Super Cup und der Klub- Weltmeisterschaft. Er ist damit bis heute nach Pep Guardiola (2009 mit dem FC Barcelona) erst der zweite Trainer der Fußballgeschichte, dem dies gelang. In der Saison 2020/2021 hatte Flick dann seine Probleme mit der Transferpolitik der Bayern öffentlich gemacht. Dies war man bei den Bayern nicht gewohnt. Hasan Salihamidzic, damals Sportdirektor der Bayern, betonte, er sei kein Freund von „medialer Kaderplanung“, Karl-Heinz Rummenigge und Olver Kahn schlossen sich der Kritik an und warfen Flick über die Medien ihrerseits, unzureichende Berücksichtigung von Nachwuchsspielern, im Vergleich mit den Vorjahren zu viele Gegentore oder die selbstständige Kontaktaufnahme mit Wunschspielern vor. Flick verlor den lange über die Presse geführten Machtkampf mit Salihamidžić, trotz Sextuble. Flick kündigte die vorzeitige Beendigung seines Vertrags zum Ende der Saison 2020/2021. Nach der erneuten Meisterschaft 2021 für die Bayern kam es dann zur vorzeitigen Vertragsauflösung. Der Weg war frei, Flick als Bundestrainer zum DFB zu lotsen. Oliver Bierhoff, damals DFB-Direktor „Nationalmannschaften und Akademie“, sagte zur Ernennung von Flick nach dessen Unterschrift in der DFB-Zentrale:

„Ich bin sehr stolz, dass es gelungen ist, Hansi Flick für den Posten des Bundestrainers zu ver-pflichten. Er stand von Anfang an ganz oben auf meiner Wunschliste. Die menschlichen und fachlichen Qualitäten von Hansi Flick kenne und schätze ich seit unseren vielen gemeinsamen erfolgreichen Jahren bei der Nationalmannschaft“. „Wir haben ein großes gemeinsames Ziel: zurück an die Weltspitze“.

Neben Flick war bereits damals Jürgen Klopp die absolute Wunschlösung für den Posten als Trainer der Nationalmannschaft – zumindest in den Medien und bei vielen Fans.  Klopp war zu dieser Zeit aber mit einem langfristigen Vertrag an den FC Liverpool gebunden und stand deshalb nicht zur Verfügung.

Flick konnte als Nationaltrainer die großen Erwartungen aber nicht erfüllen. Die National-mannschaft schied bei der WM 2022 erneut in der Vorrunde aus. Wenig hilfreich war die Entscheidung des DFB, bei der WM in Katar ein politisches Zeichen für Vielfalt setzen zu müssen. Nach meiner Einschätzung kam es durch diese Entscheidung zum Autoritätsverlust von Flick im Kader und führte auch zu einer Verstimmung zwischen Flick und dem DFB. Zudem wurden Leistungen der Nationalmannschaft unter Flick als Nationaltrainer in den Medien und von Experten heftig kritisiert. Für sie lagen die Gründe ausschließlich bei Flick. Vorgeworfen wurde ihm vor allem fehlendes Leistungsprinzip bei der Spielerauswahl und Festhalten an einem festen Stamm von „Lieblingsspielern“, trotz deren schwachen Leistungen. Spieler, die in ihren Vereinsmannschaften Topform nachgewiesen hatten, seien nicht in den Kader berufen worden.  Fakt ist dagegen, dass Flick in den knapp zwei Jahren immerhin 51 Spieler in seinen Spielerkader berief, davon 12 Debütanten. Vier dieser Debütanten zählten bis zur WM 2026 regelmäßig zum Kader der Nationalmannschaft. Weiter lautete die Kritik an ihm, er habe zu häufig mit Systemen und Aufstellungen experimentiert, was zu fehlender defensiver Stabilität geführt hätte und die Mannschaft verunsichern würde. Einige Medienvertreter warfen ihm zudem vor, dass er nach enttäuschenden Ergebnissen gereizt reagiere, seine Stellungnahmen „realitätsfern“ seien und er „kritikunfähig“ sei. Aus meiner Sicht „alles Quatsch“ gewesen, die Realität war und ist die, die Bierhoff klar benannte- bis heute.

Nach der 1:4-Niederlage im Testspiel gegen Japan wurde Flick im September 2023 als erster Bundestrainer nach nicht einmal zwei Jahren im Amt von seinen Aufgaben als Bundestrainer entbunden. Er wechselte nach einer Pause als Cheftrainer zum FC Barcelona. Dort wird er für sein zahlreichen Erfolge und seinen attraktiven Fußball, den er dort verwirklichen kann, gefeiert. Flick war und ist ein überragender Trainer, sowohl was das Sportliche als auch das Menschliche und seine Motivationsfähigkeiten betrifft. Aus meiner Sicht war nicht er das Problem, dass die deutsche Nationalmannschaft unter ihm wenig erfolgreich war.

Als der DFB Ende September 2023 als Nachfolger von Hansi Flick nun Julian Nagelsmann präsentierte, sprach DFB-Sportdirektor Rudi Völler vom „Wunschkandidaten“, wieder einmal, und schwärmte von Nagelsmann „ansteckendem Feuer für Fußball“.

In seinen ersten Kader für die Reise im Oktober 2023 mit Länderspielen gegen die USA und Mexiko berief Nagelsmann drei Neulinge und er holte vier Nationalspieler zurück in den Kader. „Wir sind ein neues Trainerteam und wollen möglichst viele Spieler im Kreis der National-mannschaft sehen.“… Jeder soll top fokussiert sein und mit dem nötigen Spaß, der nötigen Lust und vor allem der nötigen Gier die USA-Reise bestreiten“.

Mit einem Sieg gegen die USA (3:1) und dem 2:2 gegen Mexiko verlief der Start verheißungsvoll. „Ich habe noch keine Mannschaft trainiert, die innerhalb von einer Woche so viele Dinge umsetzt. Ich war schwer begeistert“, bilanzierte Nagelsmann seinen Start als neuer Bundes-trainer. Wenig später gab es aber einen heftigen Dämpfer. Zwei Niederlagen, zuhause gegen die Türkei (2:3) und mit 0:2 im Ernst Happel-Stadion in Wien gegen Österreich, offenbarten bekannte Probleme im Team. Defensive Instabilität und Anfälligkeit bei schnellem Umschaltspiel der Gegner, fehlende „nötige Emotionen, unbedingtem Siegeswillen und letzte Konsequenz in den direkten Duellen“, fasste Nagelsmann diese beiden Vorstellungen zusammen. Pressevertreter sahen aber die Ursachen dafür ausschließlich bei Nagelsmann. Die Mannschaft sei mit dessen „hoch-komplexen Matchplänen und ständiger Positionswechsel überfordert“, es fehlte an Automatismen und einer klaren Hierarchie auf dem Platz. Im Grunde genommen ein Armutszeugnis für die Spieler und Hierarchie kann man vorgeben, aber wenn auf dem Platz kaum jemand willens oder in der Lage ist, ein Spiel zu ordnen oder gar „zu Lesen“, ist das „die Schuld“ des Trainers? Als nach der Niederlage gegen die Türkei in der Presse heftiger Gegenwind ihm gegenüber aufkam, meinte Nagelsmann: „Wir können jetzt wieder anfangen, alles schwarz-zu malen und alles schlecht zu sehen. Das können wir machen, da werden wir aber nicht weiterkommen als Fußballnation“ und „Ich bin weit davon weg, alles negativ zu sehen“.  „BILD“-Online titelte in seiner Einzelkritik in großen Lettern „Note 5 für Nagelsmann“, was den DFB-Präsident Neuendorf wohl dazu veranlasste, eventuell bereits wieder aufkommende Rücktrittsforderungen im Keim zu ersticken: „Eine Trainerdebatte loszutreten, wäre völlig verkehrt“.  Nach der 0:2-Niederlage gegen Österreich hagelte es hämische Pressestimmen, vor allem natürlich aus Österreich: „Cordoba im Happel! I werd‘ narrisch. Im 41.Prestigeduell knallt unser Nationalteam Deutschland eiskalt ab und schließt das Länderspiel -Jahr mit einem un-glaublichen 2:0- Sieg ab…. Die EM kann kommen- für Österreich, nicht für Deutschland“.

Für die nächsten Spiele holte Nagelsmann mit Toni Kroos den langjährigen „Mittelfeldchef aus dem DFB-Ruhestand“ zurück und verzichtete auf Hummels, Goretzka und Gnabry. „Der Reiz des Neuen muss da sein“, meinte Nagelsmann dazu und sah sich nach zwei Siegen mit 2:0 gegen Frankreich und 2:1 gegen die Niederlande bestätigt. „Deutschland kann auf ein neues Fußball- Sommermärchen hoffen“, so „Die WELT“. Und Lothar Matthäus meinte bei RTL: „Es ist eine Befreiung, für alle Beteiligten, was sie können“.

Die dritte Fußball-EM in Deutschland (2024), begann verheißungsvoll. Nach zwei Siegen (5:1 gegen Schottland und 2:0 gegen Ungarn) und dem 1:1 gegen die Schweiz landete Deutschland als Gruppenerster im Achtelfinale gegen Dänemark einen ungefährdeten 2:0-Sieg. Erstmals nach der EM 2016 stand die deutsche Mannschaft wieder im Viertelfinale.  Der Gegner hieß Spanien. Für dieses Spiel änderte Nagelsmann die Aufstellung.  Tah kehrte nach einer Gelbsperre wieder zurück, dafür musste Schlotterbeck wieder auf der Auswechselbank platznehmen und im Mittelfeld begann neben Toni Kross nicht Robert Andrich, sondern Emre Can. Nagelsmann versprach sich dadurch, so erklärte er vor dem Spiel, mehr Tempo im Spielaufbau. Und Leroy Sané bekam auf der rechten Angriffsseite den Vorzug vor Florian Wirtz. „Er hat einen brutalen Zug zum Tor, mit viel Speed- das werden wir heute brauchen“, begründete Nagelsmann diese Personalie vor der Partie.  Während Tah überzeugte, wechselte bei Can Licht und Schatten. Can blieb nach der Pause in der Kabine, Sané blieb-mal wieder- „alles schuldig“. Für ihn kam nach der Pause Wirtz, der in der 89. Minute den vielumjubelten und verdienten 1:1-Ausgleich nach dem Führungstor der Spanier kurz nach der Pause durch Yamal erzielte. Yamals Tor ging ein Patzer von Andrich voraus. Er ersetzte Can zu Beginn der 2.Halbzeit. In der Verlängerung dominierte Deutschland das Spiel. In der 106. Minute schien sich das Spiel vollends zu Gunsten der deutschen Mannschaft zu entwickeln. Marc Cucurella hatte im eigenen Strafraum einen Schuss von Musiala klar mit dem „ausgefahrenen“ Arm geblockt. Elfmeter für Deutschland, eigentlich. Aber der englische Schiedsrichter Anthony Taylor ließ weiterspielen und der Videoassistent griff auch nicht ein. In der 119. Minute passierte es dann. Der Spanier Merion traf mit einem Glücksschuss zum 2:1-Sieg der Spanier. Es war kein Trost, dass Spanien im Endspiel gegen England mit 2:1 seinen vierten EM-Titel holte und es 10 Wochen später hieß, die UEFA habe eingeräumt, dass der nicht gegebene Elfmeter eine Fehlentscheidung war. Der „Sünder“ Cucurella kritisierte das Vorgehen der UEFA: „Und jetzt kommen sie und sagen, es war ein Elfmeter. Wem nützt das?“

Pech gehabt, oder? Die Nagelsmann- Kritiker verstummten nicht, aber es „gab gute Gründe“, so der DFB-Schatzmeister, den Vertrag mit Nagelsmann Anfang 2025 bis zur Fußball-EM 2028 vorzeitig zu verlängern. Laut „KICKER“ stand Nagelsmann auf der Wunschliste vieler Vereine, die ihn als neuen Klubtrainer verpflichten wollten.

Die Nationalmannschaft gewann dann 2025 alle Nations-League-Gruppenspiele und überzeugte auch im Viertelfinale mit dem 2:1-Sieg gegen Italien. Doch dann verpasste die neu formierte Mannschaft -ohne Neuer, Kroos, Gündoğan und Thomas Müller- durch eine 1:2- Niederlage gegen Portugal den Einzug ins Endspiel. Als auch noch das Spiel um Platz 3 mit 0:2 gegen Frankreich verloren ging, kamen erneut vermehrt Zweifel im Hinblick auf eine erfolgreiche WM 2026 auf. Die Leistungsschwankungen setzen sich bis zum Beginn der WM 2026 fort. Nach dem 0:2 in der Slowakei zu Beginn der Qualifikationsrunde für die WM 2026 sicherte sich die Mannschaft erst im letzten Spiel mit dem 6:0-Sieg im Rückspiel gegen die Slowakei die Teilnahme an der WM 2026 in den USA. Das WM-Jahr 2026 war geprägt von ständiger Kritik an Nagelsmann und Unruhen im Kader. Nagelsmann stieß bei der Vorstellung seines WM-Plans in einem KICKER- Interview unnötigerweise vor den Kopf, weil er deren Schwächen öffentlich ansprach. Einige Spieler bekannten danach, auch öffentlich, diese Analysen als schädlich für das Vertrauensverhältnis. Vor allem nach der Schelte an Deniz Undav trotz dessen Siegtor im letzten Testspiel vor der Kaderbenennung gegen Ghana, Undav sei „Bis zum Siegtor nicht Gut“ gewesen, hagelte es von allen Seiten Kritik. Sie verstummte auch nicht nach einer persönlichen Entschuldigung bei Undav. „Das war blöd von mir“. Das Kommunikations-Desaster um die Rückholaktion vom Manuel Neuer schließlich wurde zum „Brandbeschleuniger“. Die Degradierung von Oliver Baumann sorgte für massive Unruhe und Unverständnis in den Medien und unter den Nationalspielern. Sie wirkte zudem konzeptlos und beschädigte die Glaubwürdigkeit von Nagelsmann massiv, weil er sich für Baumann als die Nummer 1 im Tor klar bekannt hatte. Neuer, der die finale Vorbereitung wegen einer Wadenverletzung verpasst hatte, kassierte bei der WM 2026 fünf Gegentore bei nur 10 Schüssen der Gegner.

Nach der WM 2026 trat Nagelsmann mehr oder weniger freiwillig zurück, versüßt durch eine stattliche Abfindung. „Sportschau.de“ kommentierte das Aus von Nagelsmann unter dem Titel „Julian Nagelsmann- Vom Fixstern zur Sternschnuppe“.  „Wo ein Schweigen geholfen hätte, griff er oft zur launigen Pointe- das ist schon bei den Bayern nicht gut gegangen“. Nagelsmann bediente zu oft ein Narrativ, die immer auf den großen Erfolg hoffen ließ. Und, was aus meiner Sicht auch eine Rolle spielte, Nagelsmann stand vom DFB letztlich niemand zur Seite. Sein sportlich Vorgesetzter war Rudi Völler beim DFB als Sportdirektor unter Vertrag. Völler, vom Typ her mit „ausgeprägtem Hang zur Harmonie“ ausgestattet, ein an sich lobenswerter Charakterzug, wenn auch meist weniger nützlich bei Führungsverantwortung, übernahm nicht die Führung von Nagelsmann. Ob das mit Jürgen Klopp als neuem Bundestrainer nun (plötzlich) anders wird.  Mein erster Eindruck ist: NEIN. Klopp beherrscht alle und fast alles. Per Mertesacker wird bald neuer Geschäftsführer Sport des Verbandes und wird „der Kopf“ des sportlichen DFB-Führungstrios mit Völler als Sportdirektor und Klopp als Bundestrainer. Mertesacker genieß hohes Ansehen, auch beim Bayern-Patron Uli Hoeneß. Ob er, bekannt als strategischer Brückenbauer, auch, falls angebracht bzw. notwendig, korrigierend eingreift? Dies wäre mehr als wünschenswert- auch wenn dann „mal Funken sprühen“ (müssten).    

Nun soll also Jürgen Klopp „die Sache wieder richten“. Klopp war als Vereinstrainer bei allen seinen drei Stationen – nach jeweils längerer Anlaufzeit- erfolgreich. Dabei spielten der Kauf und Verkauf von Spielern sowohl in Mainz als auch in Dortmund und zuletzt in Liverpool die zentrale Rolle. Der SSV Mainz 05 verpflichtete unter Klopp 86 Spieler und 92 Spieler wurden verkauft. In seiner Zeit in Dortmund lautete diese Bilanz: 61 Spielerkäufen standen 60 Spielerverkäufen gegenüber. Erlöse: in Summe Minus 63 Mio. EUR (184 Mio. EUR Ausgaben/121 Mio. EUR Einnahmen). Bei seiner letzten Trainerstation in Liverpool gewährte der Chairman des Haupt-eigentümer des FC Liverpool, eine US-amerikanische Sportinvestmentgesellschaft, Klopp als Teammanager 800 bis 850 Mio. EUR für Investitionen „nur“ um 50 neue Spieler zu kaufen. Der Erlös aus den 57 Spielerverkäufen betrug 553 Mio. EUR. Klopp stehen für seine „Mission“ als Bundestrainer kein Geld, sondern „nur“ etwa 250 bis max. 280 Profifußballer mit deutschem Pass zur Auswahl.

Der Gewinn der letzten WM ist 12 Jahre her, der der EM schon 30 Jahre. Herberger benötigte knapp vier Jahre für den WM- Titel (gerechnet ab 1950), Helmut Schön brauchte knapp acht Jahre für den EM-Titel und 10 Jahre für den WM-Titel, Derwall gewann nach 2 Jahren den EM-Titel, Beckenbauer verpasste einen EM-Titel, benötige aber auch sechs Jahre für den WM-Titel. So lange wartete die Nation auf einen Titel mit Vogts als Nationaltrainer, dem bisher letzten EM-Titel. Löw schaffte es nach acht Jahre, den bisher letzten WM-Titel nach Deutschland zu holen.

In allen Kadern standen jeweils Weltklasse-Fußballer und mehr als nur einen Führungsspieler. Es bleibt abzuwarten, ob Jürgen Klopp mit den von ihm und seinem Trainerteam aus den ihm zur Verfügung stehenden Spielern eine Mannschaft formen kann, in der auch Spieler stehen, die „den Unterschied“ machen. Auch die Frage, ob die Qualität vorhanden ist, seinen „Heavy-Metal-Fußball“ umzusetzen, ist derzeit noch nicht zu beantworten. Außerdem kann ich persönlich auch nicht beurteilen, ob dieser verschleißende Fußballstil überhaupt zu WM- oder EM-Titeln führen kann und ob Klopps Spielphilosophie heute noch zeitgemäß ist. Auf jeden Fall wird es dauern.

Nach der Niederlage gegen Griechenland hat Klopp in einem minutenlangen Redeschwall versucht darzulegen, warum dieses Spiel verloren ging, er aber mit dem Spiel eigentlich nicht unzufrieden sei, was zu verbessern sein wird und wo er dazu „ansetzen“ werde. Unstrukturiert, weitgehend inhaltslos und mit einer Sprechgeschwindigkeit, die, so nehme ich an, nicht nur mich überfordert hat.  Hätte er es doch so sachlich, verständlich und unaufgeregt wie Bastian Schweinsteiger kurz vorgetragen. „Wir sind keine Top-Mannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen. Wir haben nicht mehr diese Spieler, die den Unterschied ausmachen. Selbst Griechenland hatte diese Unterschiedsspieler. Deswegen muss Klopp sich alle anschauen, die in Frage kommen können“.  

Und er getraute sich dann auch noch, nachzulegen: „Der Einzige, der kreative Pässe spielen kann, ist Joshua Kimmich. Wenn der nicht da ist, wird es schwer“. Kimmich stand gegen Griechenland in der Startelf, er ist aber offensichtlich noch nicht wieder in Form. Nach dem Spiel gegen Griechenland meinte er zu seiner Leistung, da sei „Luft nach oben“.  Konfrontiert mit Schweinsteigers Aussagen widersprach Kimmich nicht: „Das müssen wir so sagen. Eine Top-Mannschaft zeichnet aus, dass sie vermeintlich schwächere Mannschaften schlägt und die vermeintlichen Top-Teams schlägt. Wir haben die Niederlande nicht geschlagen und heute verloren“. Griechenland belegte vor dem Spiel gegen Deutschland FIFA-Rang 40, die Niederlande stehen auf Platz 9 der aktuellen FIFA-Liste. Auch die Niederlande zählen derzeit nicht zu den Top-Teams, liegen aber im FIFA-Ranking immerhin drei Plätze vor Deutschland. Niemand hätte sich beklagen dürfen, wenn auch das Spiel gegen die Niederlande mit einer (heftigen) Niederlage ausgegangen wäre. Wie wohltuend unaufgeregt und mit Stil hat der neue Nationaltrainer der italienischen Mannschaft die vergleichbar noch schlechtere Bilanz seiner Mannschaft bei internationalen Turnieren der letzten Jahre und die anstehenden Heraus-forderungen des Neuaufbaus zusammengefasst: „Man merkt allen die Last der Vergangenheit auf den Schultern an“. Auch in Italien wird beklagt, über zu wenige Talente „mit Erfahrung auf angemessenem Wettkampfniveau zu verfügen“.Und er kleidete seine Herausforderungen in einen tollen Vergleich, der alle Beteiligten einbezieht, egal ob Spieler, Medien, Fans oder Funktionäre: „Es ist hart, den Mount Everest zu besteigen, aber dafür ein umso schöneres Gefühl, wenn wir den Gipfel erreichen“. Das verstehen alle, was damit gemeint ist.

Die lange Geschichte der Bundestrainer zeigt ja auch beeindruckend, dass bis auf die „Lichtgestalt“ Beckenbauer und vielleicht Rudi Völler, kein noch so mit vielen Vorschuss-lorbeeren ausgestatteter ehemaliger und hochdekorierter Vereinstrainer oder Fußballspieler lange mit dem Wohlwollen der Medien rechnen konnte. Schon früher nicht und heute gleich gar nicht mehr, in der medial und kommerziell dominierten Welt des Fußballs. Hinzu kommt, dass entsprechend dem „modernen Zeitalter“ sowohl die meisten Fußballspieler als auch sehr viele Trainer „Ich-AGs“ in Reinkultur verkörpern und sich selbst vermarkten. Dies gilt auch für Jürgen Klopp. Nicht unbegründet titulierte DER SPIEGEL vor nicht allzu langer Zeit: „Reklamefigur Jürgen Klopp“. Sie schauen keinen Fußball, aber viel Werbung? Dann ist Ihnen der nächste Bundestrainer ja bestens vertraut“.

Das Salär des DFB von jährlich 7 Millionen für seine Tätigkeit als Bundestrainer dürfte nicht seine Haupteinnahmequelle sein. „Ein Trainer als menschgewordene Werbebande“, so beschrieb „DER SPIEGEL“ kürzlich Jürgen Klopp. Und „DIE WELT“ verwiess in diesem Zusammenhang auf den offensichtlichen Widerspruch, für den Klopp selbst sorgte, als er sich beim Amtsantritt in Liverpool und ausgestattet mit einem 18-Mil. EUR Gehalt, pro Jahr versteht sich, sich als volksnaher Typ („a totally normal guy from the Black Forest“) „zu verkaufen“ versuchte. Und ergänzte „I am the Normal One“, in Anspielung auf José Mourinhos bekanntem Ausspruch „I’m a special one“ aus dem Jahr 2004.  Einer seiner zahlreichen widersprüchlichen Aussagen, oft mit viel „Lärm“ verbunden, aber gut verpackt mit (gespielter) Freundlichkeit, als Spaßaussage.  

Die bereist nach dem gerade mal zweiten Spiel unter Klopp selbst im Fernsehen nicht zu überhörenden vereinzelten Pfiffe, kommentierte er natürlich auch: „Es waren auch ein paar Pfiffe dabei, vielleicht hat jemand laut ausgeatmet oder hatte Asthma“. Ein typischer Klopp, aus seiner Sicht Unpassendes mit einer „platten“ und spaßigen Bemerkung „wegzumoderieren“. Ein Medienprofi, der aber in den Medien immer wieder (und aus meiner Sicht zu Recht) als selbstgerecht kritisiert wird, „insbesondere wenn er dünnhäutig auf Kritik reagiert, Journalisten belehrt oder moralisierende Töne anschlägt“. Und ich stimme Klopp sogar zu, als er sagte: Ich hätte mir dafür aufs Maul hauen können“. Anlass war sein Kommentar nach dem Auftaktspiel bei der WM 2026 gegen Curacao zu der von Nagelsmann gewählten Aufstellung im Fernsehen: „Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf – noch“. Er meinte dazu, auch typisch und Methode: „Ist so flapsig raugerutscht und hat gar keine Relevanz“. Was soll so eine Bemerkung, um die ihn niemand gebeten hatte? Sein Versuch, sie als Spaß und als belanglos abzutun, unterstreicht diese Sinnlosigkeit dieser Bemerkung. Aber ich bin mir ziemlich sicher, Klopp ist die „Macht der Worte“ sehr wohl bewusst. Worte lösen im Gehirn automatisch biochemische Reaktionen und unbewusste Muster aus. Dies gehört zum Allgemeinwissen. „Sprache ist nicht bloß ein Mittel zur Kommunikation; sie ist vielmehr ein kraftvolles Werkzeug, das unser Denken formt und unser Handeln lenkt. Die Art und Weise, wie wir Wörter wählen und (Sätze) formulieren, hat eine tiefgreifende Wirkung auf unsere Sichtweise der Welt und unser Verhalten in ihr“. Diese klugen Aussagen stammen nicht von mir.

Daher bin ich persönlich überzeugt, dass Klopp das Wörtchen „noch“ sehr bewusst und rhetorisch glänzend betont, benutzt hat. Kein guter Charakterzug von Klopp. Aber Klopp weiß um seinen Vorschuss, den er bei den Medien hat. Es bleibt aber abzuwarten, wie die auch im Fußball mächtigen Medien, die ihre Auflage und „Klicks“ und damit ihre Einnahmen hauptsächlich Schlagzeilen verdanken, reagieren, wenn es auch unter Klopp holprig läuft. Seine jüngste Vergangenheit als „Head of Global Soccer“ bei Red Bull GmbH ist für sehr viele Fußball-fans nach wie vor ein „großer Dorn im Auge ist“ und bei seinen Kritikern nicht in Vergessenheit geraten.

Klopp will alle Spieler wieder auf den Positionen einsetzen, für die sie ausgebildet wurden und in ihren Vereinsmannschaften spielen. Spieler stark zu reden, ihnen klare Aufgaben und Verantwortung zu übertragen, aber auch konsequent fordernd zu sein, das sind die Marken-zeichen von Klopp. Und er wird wieder „Fußball leben und vorleben“. Sieben Tage die Woche.  Er sucht wieder den Austausch mit den Vereinstrainern, wird Turniere live ansehen und Spieler auch im Ausland persönlich und live anschauen. Nationaltrainer als „Live-Balance- Job“ zu betrachten, das ist nicht Klopps Sache. Aber auch Klopp wird kein „Wundermann“ sein können. Mal sehen, was auch sein „Betreuerstab“ alles bewegen wird, um zusammen mit Mertesacker die von Klinsmann und Löw sowie teilweise vom DFB selbst eingeleitete Modernisierung des DFB fortzusetzen. Der amtierende DFB-Präsident Bernd Neuendorf wird ihnen dabei ganz sicher nicht im Wege stehen.

Die Aufgabe von Klopp ist, einen neuen Anlauf zu nehmen und die Nationalmannschaft zurück in den Kreis der die FIFA-Weltrangliste anführenden Nationalmannschaften zu führen.  Dazu ist es auch im Fußball hilfreich, eine Strategie zu entwickeln, die eine gesunde Mischung zwischen Akzeptanz der Vergangenheit und Ausrichtung auf die Gegenwart und Zukunft beinhaltet. Weder das „Rückspiegelsyndrom“ alleine ist dazu geeignet noch der ausschließliche Blick in die Zukunft. „Die Gegenwart ist der Zukunft voll und mit der Vergangenheit erfüllt“, so lautet der Leitsatz des deutschen Philosophen und Mathematikers Gottfried Wilhelm Leibnitz in seinem Werk „Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand“, entstanden 1701-1704.  Eine der vielen Erkenntnisse, die das Fundament für unsere moderne Welt bilden und heute aktueller und zeitgemäßer denn je.

Wir werden sehen, ob Klopps motivierende Botschaft “Mit uns ist mehr möglich, als wir gerade glauben“ bewirkt, dass das demnach offensichtlich in der Nationalmannschaft vorhandene, ungenutzte Potenzial zum Vorschein kommt. Auf jeden Fall handelt es sich um einen klassischen und altbewährten Mutmacher-Lehrsatz“. Im Beruf: als Motivationsaufruf für Führungskräfte in Veränderungsprozessen oder im Mannschaftssport, um den Teamgeist vor wichtigen oder schwierigen Spielen zu stärken, oder Spieler zu ermutigen, sich generell auf Veränderungen einzulassen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          

Dies ist der letzte Teil meiner Kolumne „Ist Jürgen Klopp der Richtige?“

Viele Grüße aus dem Schwarzwald

Bernhard

29.09.2026/Soe