Jupp Derwall (1978-1984). „Häuptling (ondulierte) Silberlocke“
Jupp Derwall, zwischen 1970 und 1978 Assistenztrainer von Helmut Schön, wurde nach der WM 1978 als neuer Bundestrainer installiert. Ausgestatten mit etwas höherem Gehalt (rd. 100.000 EUR, dem 6-fachen Durchschnittseinkommen) als Helmut Schön, führte Derwall die Mannschaft als „Liberaler an der langen Leine“. Auch Derwalls Führungsstil spiegelte den gesellschaftlichen Wandel wider. Es war die Zeit, in der staatliche Eingriffe in den Markt auf ein Minimum reduziert werden sollten: “Laissez- Faire“(„Laufen lassen“ oder „machen lassen“) war angesagt. Dieses Motto stammt ursprünglich aus dem französischen Wirtschafts-liberalismus des 19. Jahrhunderts. Daraus hatte 1939 ein US-Amerikaner (zusammen mit einem Deutschen) eine Alternative zu den bis dahin „klassischen“ Führungsstilen“ „autoritär“ und „demokratisch“ abgeleitet. Ronald Reagan, 40. Präsident der USA, hatte bei seinem Amtsantritt im Januar 1981 den (Neo-) Wirtschaftsliberalismus in sein Regierungsprogramm übernommen und sich den Laisser-Faire-Führungsstil zu eigen gemacht. Beide „Strömungen“ schwappten“ (natürlich) auch nach Europa über.
Der Laisser-Faire- Führungsstil - auch für den Fußball als Mannschaftssport – wurde von und unter Jupp Derwall im wahrsten Sinne des Wortes „gelebt“. Was auch seinem Charakter entsprach. Derwalls Kernbotschaft war, dass man Profifußballer mit Vertrauen und dem Gewähren von Freiräumen besser motivieren kann als durch ständige Kontrolle. Jürgen Löw übernahm später diesen mannschaftlich orientierten und auf Harmonie beruhenden Führungs-stil.
Die Medien trauten Derwall zunächst nicht zu, in die Fußstapfen von Helmut Schön treten zu können und die Nationalmannschaft aus dem Tief nach der enttäuschenden WM 1978 heraus-zuführen. Deshalb hatten einige Medienvertreter vom DFB gefordert, für einen echten Neu-anfang zu sorgen, anstatt eine interne Lösung zu wählen. Dies sah das DFB-Präsidium aber offensichtlich nicht so. Die Skepsis überwog und der Spott seines Trainer-Kollegen Max Merkel begleitete ihn von Beginn an. Max Merkel bedachte ihn mit den abwertenden Spitznamen: „Häuptling ondulierte Silberlocke“.
Die Kritiker sollten jedoch schnell verstummen. Jupp Derwall hatte einen radikalen Umbruch der Nationalmannschaft vorgenommen. Aus dem Kader der WM 1978 übernahm er wenige Spieler. Dazu gehörten Sepp Maier, der bis zu seinem Karriereende als Folge eines Verkehrs-unfalls 1979 im Tor stand und dann durch Toni Schumacher ersetzt wurde sowie mit Manfred Kaltz und Bernhard Dietz, zwei „bewährte Abwehrrecken“. Wie auch Karl-Heinz Rummenige, der in der Zeit von Derwall zum Weltklasse-Stürmer und Kapitän der Nationalmannschaft wurde, sowie Dieter Müller und Hansi Müller, die unter Helmut Schön einige Spiele in der National-mannschaft bestritten hatten. Ansonsten setzte Derwall auf viele junge Spieler. 1978 gaben Spieler wie Karl-Heinz Förster, Klaus Allofs und Uli Stielicke ihr Debüt in der National-mannschaft. Ein Jahr später folgten Hans-Peter Briegel (die „Walz aus der Pfalz“), Toni Schumacher, Bernd Schuster (der „blonde Engel“) und Bernd Förster. 1980 feierten Lothar Matthäus und Horst Hrubesch sein Debüt als Nationalspieler und Rudi Völler startete 1982 seine Karriere als Nationalspieler. Breitner hatte sich mit den DFB-Funktionären und Helmut Schön überworfen und seinen Rücktritt erklärt. In der Defensive vertraute Derwall dem klassischen Libero, forderte aber spielerische Leichtigkeit mit mehr Offensivdrang als unter seinem Vorgänger und er baute im Mittelfeld einen kreativen Spielmacher ein. Die dafür notwendigen Spielertypen gab es in der Bundesliga. Stielike war „sein“ Libero, Schuster „sein“ Spielmacher. Vorne sollte Hrubesch mit seiner Robustheit und seinem genialen Kopfballspiel als „Kopfballungeheuer“ für Furore sorgen.
Derwalls Überlegungen gingen auf. Keines der zwölf Freundschaftsspiele vor der Qualifikations-Runde zur EM 1980 in Italien ging verloren (9 Siege, drei Unentschieden). Diese Serie hielt auch in der Qualifikationsrunde zur EM 1980 sowie bei der Endrunde in Italien an. Derwall führte die Mannschaft, gerade mal zwei Jahre im Amt, 1980 zum erneuten Gewinn des Titels „Fußball- Europameister“. Das Endspiel gewann Deutschland mit 2:1 gegen Belgien. Hrubesch schoss beide Tore, den Siegtreffer in der 88. Minute. Eckball von Karl-Heinz Rummenige – Kopfball Hrubesch - Tor. Das „Kopfballungeheuer“ hatte wieder „zugeschlagen“. Sieben der acht Mannschaften, die an der EM 1980 teilnahmen boten „Betonfußball“. Einzig die deutsche Mannschaft gefiel mit einem offensiv ausgerichteten 4-3-3 System. Der belgische Trainer meinte nach der Endspiel- Niederlage: „Gegen diese deutschen Panzer habe ich keinen Bunker“. Klaus Alofs wurde mit drei Treffern (Hattrick im Spiel Gruppenspiel gegen die Nieder-lande) Torschützenkönig und Karl-Heinz Rummenige zum besten Spieler gewählt. Bernd Schuster war der überragende und spielbestimmende Mittelfeldspieler und das mit gerade mal 20 Jahren. Nach der EM 1980 lag Schuster mit dem FC Köln in Streit. Er wollte seinen sofortigen Wechsel zum FB Barcelona erzwingen. Es entbrannte ein monatelanger Machtkampf zwischen den Verantwortlichen beim FC Köln, Bernd Schuster und mit dem FC Barcelona. Schuster setzte sich durch und wechselte im Oktober 1980 nach Barcelona. Die Ablösesumme von 3,6 Mio. DM war für einen so jungen Spieler in der damaligen Zeit selbst im internationalen Vergleich exorbitant hoch.
Die Presse feierte Jupp Derwall nach dem Gewinn der Europameisterschaft für den „modernen Offensivgeist“ und „als Architekten eines gelungenen Umbruchs“. Der Kontakt von Derwall mit der Presse war in dieser Zeit sehr offen und sehr eng. Bei der EM hielt Derwall sogar einige Pressekonferenzen nach dem Spiel direkt auf dem Rasen ab, von „Stehpartys“ war die Rede. Auch sein Umgang mit den Spielern war „locker“. Er selbst gönnte sich auch „mal ein Bierchen“, auch mit den Spielern. Er hatte auch keine Bedenken, zusammen mit dem damals bekannten Schauspieler Günter Pfitzmann Fernsehspots für eine westfälische Brauerei zu drehen. Angesprochen auf seine Vorbildfunktion für die Fußballjugend meinte er, sich keine Sorgen machen zu müssen: „Wieso auch, Bier ist doch kein Alkohol“. Selbst DER SPIEGEL hatte darüber ausführlich berichtet.
Als Siegprämie bei der EM 1980 schüttete der DFB 25.000 DM pro Spieler aus. Zudem gab es einen 2.500 DM- Juweliergutschein für die Frauen. Kurz vor Beginn der EM 1980 hatte die UEFA „schnell noch“ die Teilnehmerzahl von bisher vier auf nun acht Mannschaften aufgestockt. Sie war der Ansicht, die Europameisterschaft „sollte mehr an Bedeutung erlangen“ und “sich wirtschaftlich besser auszahlen“. Auch der UEFA hatte erkannt, dass sich die Live- Übertragung der Spiele in Farbe und per Satellit „ordentlich“ vermarkten lässt. Sie beschloss zudem, die Spiele zeitversetzt anzusetzen, um sie alle einzeln und in voller Länge ausstrahlen zu können. Die Einnahmen der UEFA aus dem Verkauf der Medienrechte beliefen sich auf 3 Mio. DM, eine für damalige Verhältnisse „unglaubliche Summe“. Werbeeinnahmen im großen Stil waren auch für die UEFA in den 1980er Jahren noch nicht zu erzielen. Zumal die großen, aber maroden Fußballstadien in Italien nur spärlich besucht waren. Laut Statistik lag der Zuschauerschnitt bei nicht mal 25.000 Zuschauern. Und das in einem fußballbegeisterten Land wie Italien. Als wesentlicher Grund dafür wurden die horrenden Eintrittspreise der UEFA von 70 DM/Karte genannt. Deshalb fanden gerade mal 4.000 deutsche Fußballanhänger den „Weg über die Alpen“. Allerdings war die Wirtschaftslage in Deutschland und ganz Europa damals denkbar schlecht. Der Ölpreis war durch die Iranische Revolution mit dem Sturz des Schahs (1979) sprunghaft angestiegen („zweiter Ölpreisschock“ nach 1973/1974 (der durch den Jom-Kippur Krieg ausgelöst wurde), als Ägypten und Syrien Israel angriffen, die OPEC daraufhin die Öl-produktion drosselte und die USA und weitere Staaten mit Öllieferstopps belegt wurden, weil sie Israel unterstützen). Der Umsturz im Iran hatte explodierende Energiekosten zur Folge, Verbraucher und Unternehmer hamsterten Benzin und Heizöl aus Panik. Die Konjunktur kam zum Erliegen, europaweit setzte eine Rezession ein und die Zinsen wurden kräftig erhöht, um die Inflation zu bekämpfen. Die Zukunftsaussichten waren nicht rosig, geprägt von großer Unsicherheit, politisch und wirtschaftlich. Daher war bei den meisten Familien „Sparen“ angesagt.
Die Euphorie um die Nationalmannschaft bekam zur Jahreswende 1980/1981 einen gehörigen Dämpfer. Bei der Mini-WM in Uruguay, an der die Fußballweltmeister seit 1930 teilnahmen, ging die Serie von 23 Länderspielen ohne Niederlage unter Derwall zu Ende. Gleich im ersten Spiel verlor Deutschland als amtierender Europameister gegen den damaligen Weltmeister Argentinien mit 2:1, drei Tage nach der Anreise aus dem Winter in den dortigen Sommer. Auch im zweiten Spiel setzte es eine Niederlage. Gegen Brasilien gab es mit 4:1 die höchste Klatsche seit der WM 1958. Karl-Heinz Rummenige meinte danach vor der Presse sagen zu müssen: „Uns fehlt ein Anführer“. Prompt kam in den Medien heftige Kritik an der Nationalelf und an Derwall auf. Und der „KICKER“ forderte: Jetzt wird es Zeit für Paul Breitner“. Der damalige DFB-Präsident Neuberger und Derwall trafen sich mit Breitner zu einem Versöhnungstreffen und danach kehrte Breitner, sechs Jahre nach seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft, ins Team zurück. Derwall war überzeugt, „Um Weltmeister zu werden, brauchen wir eine starke Persönlichkeit wie Breitner“. Getreu seinem Stil „Laissez -Faire“ glaubte Derwall an gruppen-dynamische Prozesse und überließ es den Spielern, wie sie Breitner ins Team integrierten. Das Problem war, dass Bernd Schuster bei der EM 1980 als Spielmacher überzeugte, aber auch Breitner bei Bayern München auf dieser Position im Mittelfeld überzeugte. Hinzu kam, dass beide ehrgeizige und egozentrische „Zeitgenossen“ waren, die sich menschlich so gut wie nicht verstanden. Derwall griff nicht ein, sodass sie ohne Führung waren. Die übernahmen dann Breitner und sein Vereinskollege Karl-Heinz Rummenige. Breitner und Schuster standen allerdings nur bei wenigen Spielen gemeinsam auf dem Feld. Zuletzt beim Testspiel im Mai 1981 im Stuttgarter Neckarstadion gegen Brasilien. Derwall ließ im 4-4-2 System spielen, mit Schuster, Breitner, Magath und Hansi Müller mit Mittelfeld und Karl-Heinz Rummenige (in der zweiten Halbzeit Karl Allgöwer) und Klaus Fischer im Sturm. Schuster wurde zur Pause ausgewechselt. Von dem Teamtreffen nach dem Spiel blieb er fern. Daraufhin suspendierte ihn Derwall für ein Spiel.
Alle acht Qualifikationsspiele für die WM 1982 in Spanien wurden gewonnen. 16:0 Punkte, 33:3 Tore. Bernd Schuster stand lediglich in zwei Spielen auf dem Platz. Danach verzichtete Schuster auf weitere Einsätze in der Nationalmannschaft. Er begründete dies in einem ausführlichen, offenen Brief im „SPIEGEL“ im Oktober 1981 spektakulär. Daraus zwei Kostproben:
„Seit ich erklärt habe, dass ich nicht an der Weltmeisterschaft 1982 teilnehmen werde, weil ich nicht reinpasse in eine Mannschaft, in der einer befielt und die anderen die Ohren anlegen, nörgeln sie an mir herum. Auch meine Frau wird noch zur Spielverderberin der Nation erklärt…
Auch Pauls Spezi, der Kalle Rummenigge, erklärt mich immer noch zum unreifen Bengel.
Ich bin jedenfalls heilfroh, dass ich verzichtet habe. Wahrscheinlich müsste ich jetzt für Paul in der Abwehr den Rasenmäher machen. Da schieße ich lieber für Barcelona selber Tore und kann mich entfalten, wie ich es will“.
„Immer schön dienern, vorm Bundestrainer, vorm Paul Breitner, vorm Kalle Rummenigge, und natürlich immer schön den Ball abgegeben, wenn sie rufen, immer schön die Knochen hin-halten, wenn sie selber nach vorn wollen, und immer das Maul halten, wenn sie reden“.
In seiner Biografie beschrieb Felix Magath diese Situation wie folgt: „Von der ersten Sekunde an riss Breitner alles an sich und beanspruchte den Platz im zentralen offensiven Mittelfeld für sich. Somit wurde ohne Not das hervorragend funktionierende Gefüge der Mannschaft durcheinandergewirbelt“.
Breitner war im zentralen Mittelfeld derjenige, der bei der WM 1982 den „Takt vorgab“. Und Stielike, in der Zwischenzeit zu Real Madrid gewechselt, war erneut Derwalls Libero. Der Einsatz von Stielike war nur möglich geworden, weil der DFB nun zuließ, dass auch „Legionäre“ in die Nationalmannschaft berufen werden konnten. Felix Magath hatte sein Debüt im Mittelfeld im Auftaktspiel der WM 1982 gegen Algerien gegeben. Erstmals wurde die Vorrunde der Fußball-weltmeisterschaft mit 24 statt wie bisher mit 16 Mannschaften ausgespielt. „Die Party“ begann ernüchternd. Das Auftaktspiel gegen Algerien ging mit 1:2 sensationell verloren. Franz Beckenbauer hatte sich vor dem Spiel zu den Chancen der Algerier geäußert: „Algerien hat gegen Deutschland nur dann eine Chance, wenn es nicht antritt“. Und Derwall meinte vor dem Spiel gegen den WM-Neuling: „Wenn uns gegen Algerien etwas passieren sollte, dann müsste da schon ein großes Loch im Rasen sein, groß wie ein Krater“. Und Toni Schmacher ließ wissen: „Wir schießen zwischen vier und acht Toren“.
Diese Sprüche verdeutlichen den laxen Zustand des DFB-Teams zu Beginn der WM 1982. Quasi die Fortsetzung des Vorbereitungslagers der Nationalelf am idyllischen Schluchsee im Schwarz-wald, in einem 500-Betten Hotel und umgeben von vielen Hotelgästen und Neugierigen, die ansteckende Urlaubslaune verbreiteten. Es ist nachweislich überliefert, dass so manche Nacht zahllose gekühlte Getränke auf die Zimmer geliefert wurden, sodass Toni Schumacher im Nach-gang zur WM den Schluchsee in „Schlucksee“ umgetauft hatte. Zudem soll es in Pokerrunden um 5-stellige DM-Summen gegangen sein. Dennoch endete die „Party“ bei der WM 1982 erst im Endspiel. Zur großen Überraschung schaffte es Italien und nicht die neben Deutschland hoch-favorisierten Brasilianer ins Endspiel. Italien gewann das Halbfinalspiel gegen Brasilien durch drei Tore von Paolo Rossi mit 3:2. Der „Hang zur brotlosen Kunst“ wurde Brasilien zum Verhängnis- im bis dato besten WM-Spiel aller Zeiten. Plötzlich war Italien der Favorit auf den Titel und wurde nach einem hoch-verdienten 3:1 Sieg über Deutschland Fußball-Weltmeister 1982.
Trotz des Erreichens des Endspiels markierte die WM 1982 eine Zäsur für Jupp Derwall als Bundestrainer. Die Nachrichtenagentur dpa schrieb vor dem Finale: „Bereits vor dem Finale ist dem Team von Bundestrainer Jupp Derwall ein Titel sicher: Weltmeister im Daneben-Benehmen“.
Ausschlaggebend dafür waren Vorkommnisse in zwei WM-Spielen. Zum einen die „Schande von Gijon“. Im letzten Gruppenspiel traf Deutschland im Kampf um den Einzug in die Zwischenrunde in Gijon auf Österreich. Nach dem frühen 1:0 für Deutschland durch Horst Hrubesch hatten beide Mannschaften das Fußballspielen nahezu eingestellt. Dieses Ergebnis reichte beiden Mannschaften, um in die nächste Runde zu kommen. Die als dritte platzierten Algerier hatten wie Deutschland und Österreich 4:2 Punkte, schieden dadurch jedoch wegen des um zwei Tore schlechteren Torverhältnisse aus. Für diesen sportlichen „Nichtangriffspakt“ wurde Derwall von der Presse verantwortlich gemacht und dafür heftig kritisiert.
Der „zweite Vorfall“ ereignete sich im Halbfinalspiel gegen Frankreich. Dabei kam es zur „hässlichsten und rücksichtslosesten Szene in der Geschichte des Fußballs“. Toni Schumacher eilte nach einem Fehler der deutschen Abwehr Mitte der zweiten Halbzeit und beim Stand von 1:1 aus seinem Tor und rammte dem frei auf das Tor heranstürmenden Pattrick Battiston seine beiden angezogenen Knie direkt ins Gesicht. Battiston, der erst kurz zuvor eingewechselt worden war, brach bewusstlos zusammen, verlor zwei Zähne, brach sich einen Halswirbel und erlitt eine Gehirnerschütterung. Das Einsteigen erfolgte außerhalb des Strafraums. Der Schiedsrichter zückte nicht mal die Gelbe Karte, sondern gab Abstoß für Deutschland. Battiston wurde minutenlang behandelt und schließlich mit der Trage aus dem Stadion direkt ins Kranken-haus gebracht. Schumacher verharrte währenddessen in seinem Fünfmeterraum und hielt es nicht für nötig, sich noch auf dem Spielfeld beim Franzosen dafür zu entschuldigen. Nach 90 Minuten stand es 1:1. In der Verlängerung geriet Deutschland rasch mit 1:3 in Rückstand, rettet sich aber mit zwei Toren durch Karl-Heinz Rummenige und Klaus Fischer in das erstmals bei einer WM ausgetragene Elfmeterschießen. Zum Schluss gewann Deutschland mit 8:7 und zog damit ins Endspiel ein. Nach dem Spiel kam es zum Eklat. Als ein Journalist Schumacher darauf hinwies, dass Battiston Zähne verloren hätte, meinte er: „Ich stecke ein und teile aus“ und weiter „wenn es nur die Jacketkronen sind- die bezahle ich ihm gerne“. Schumacher wurde in der französischen Presse zum unbeliebtesten Deutschen aller Zeiten erklärt. Die L’Équipe betitelte Schumacher als „Beruf Unmensch“. Die politische Verstimmung der Franzosen war gewaltig, der Bundeskanzler musste eingeschaltet werden, um die politischen Wogen zu glätten. Schumacher meinte später, sein Ausspruch sei als Erleichterung gemeint gewesen, dass nicht noch mehr passiert wäre. Eine Woche später entschuldigte sich Schumacher persönlich bei Battiston. Die Wogen waren aber dadurch immer noch nicht geglättet. Bei der EM 1984 löste jeder Ballkontakt von Schumacher ein gellendes Pfeifkonzert auf den Zuschauer-rängen aus.
Derwall wurde nach der WM 1982 vorgeworfen, die Mannschaft taktisch völlig falsch eingestellt zu haben und „den Verfall von Moral und Anstand im deutschen Fußball geduldet zu haben“.
Er verlor dadurch massiv an Autorität und Rückhalt in der Öffentlichkeit und in den Medien. Der DFB hingegen sah keinen Grund dafür, Derwall abzulösen. Europameister und Vize- Weltmeister zu werden und dies innerhalb von vier Jahren und mit total umgekrempelter Mannschaft, das war und ist bis heute eine starke Leistung.
Die FIFA hatte bei der WM 1982 erstmals Prämien für alle teilnehmenden Verbände aus-geschüttet. Insgesamt 20 Mio. USD. Italiens Verband bekam 1,4 Mio. USD, der DFB 0,9 Mio. USD. Weitere Finanzahlen zur WM 1982 hat die FIFA nicht veröffentlicht.
Derwall bereitete die Mannschaft für die EM 1984 in Frankreich vor. Er wollte mit der deutschen Mannschaft in Frankreich den Titel von 1990 verteidigen. Als das erste Qualifikationsspiel zur EM 1984 in Belfast gegen Nordirland mit 0:1 verloren ging, meldeten sich seine Kritiker wieder zu Wort. Vorneweg natürlich wieder Max Merkel, der Derwalls Körpersprache auf der Trainerbank beim Spiel in Belfast in der Presse wie immer – scharfzüngig und in der „BILD“- „analysierte“: „Er sitzt auf der Trainerbank schon in Kippstellung, weit vornübergebeugt. Das ist doch die Wartestellung für den Arschtritt“.
Die Nationalmannschaft hatte auch gegen die weiteren Gegner in der Qualifikationsrunde (die Türkei, Österreich und Albanien) große Mühe und schaffte die Teilnahme an der EM 1984 mit den wenigsten Punkten aller Teilnehmer. Trotzdem zählte Deutschland erneut zum Favoriten-kreis. Man war schließlich amtierender Europameister 1980 und Vize-Weltmeister 1982. Die EM 1984 wurde wieder mit acht Teams ausgetragen, nun aber wieder mit Halbfinale. Gespielt wurde in zwei Gruppen mit je vier Mannschaften. Die Gruppensieger spielten gegen den Zweit-platzierten der anderen Gruppe um den Einzug ins Endspiel. Das Spiel um Platz drei entfiel.
Deutschland spielte mit Spanien, Portugal und Rumänien in einer Gruppe. Im Spiel gegen Portugal fielen keine Tore, das Spiel gegen Rumänien endete mit einem knappen 2:1 Sieg. Im letzten Spiel hätte sich Spanien nicht beklagen dürfen, wenn Deutschland 3:0 gewonnen hätte. Hans- Peter Briegel (zwei Mal) und Andy Brehme gelangen aber jeweils nur „Aluminiumtreffer“ und Klaus Allofs konnte drei Großchancen nicht nutzen. So kam es wie es kommen musste: In der 90. Minute segelte ein Flankenball der Spanier vor das von Schumacher gehütete Tor. Ein Spanier kam frei zum Kopfball und Schumacher war machtlos. Deutschland war aus-geschieden. dpa stellte fest: „Deutschland ist zwar keine Bananenrepublik des Fußballs geworden, aber international zweitklassig – nun auch offiziell“. Der Begriff „Bananenrepublik“, als spöttische Interpretation von „BRD“ in Medien und von Kabarettisten, war tatsächlich im Jahr der EM 1984 in aller Munde. Ende 1983 teilte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf mit, gegen zwei Manager des Flick-Konzerns Anklage wegen fortgesetzter, verdeckter Parteispenden-zahlungen (an alle Parteien außer den GRÜNEN) Anklage zu erheben (die sog. Flick-Affäre). Im Zuge der Ermittlungen wurde auch die Immunität des damaligen Bundeswirtschaftsministers Otto Graf von Lambsdorff aufgehoben. Als die Anklage zugelassen wurde, trat Graf Lambsdorff Mitte 1984 von seinem Amt zurück. Der amtierende Richter beklagte 1984, dass „nahezu alle Zeugen durch ihr schlechtes Erinnerungsvermögen auffielen“. Unter den Zeugen waren zahl-reiche Mitglieder der damaligen Bundesregierung unter Helmut Kohl. Der Begriff „Bananen-republik“ war in aller Munde und wurde zum „Wort des Jahres 1984“ gewählt.
Das Aus in der Vorrunde der EM 1984 durch den Treffer der Spanier in der 90. Minute kostete Derwall den Job als Bundestrainer. Die heftigen, zum Teil persönlichen Verbalattacken in der Öffentlichkeit gipfelten in der „BILD“ - damals wie heute „die Verkörperung von Volkes Stimme“ mit der Schlagzeile: „Derwall sei gnädig. Geh!“ Nach der Rückkehr der Mannschaft samt Trainer und Betreuer hatten sich am Flughafen in Frankfurt zahllose Fans und Medienvertreter ein-gefunden. Alle Spieler konnten die Ankunftshalle unbehelligt passieren. Alle konzentrierten sich auf Jup Derwall. Er wurde auf das übelste angepöbelt und beleidigt. „Derwall Raus“-Rufe, Pfiffe, Unmutsbekundungen und provozierende Rufe „Derwall wann gehst Du“ begleiteten ihn. Über diese Szenen gibt es im Internet ein beeindruckendes Video. „Unterste Schublade“, was sich da alles abspielte und Derwall sagte dazu nur „Ach was seid ihr alle primitiv“. Am nächsten Tag stand in der BILD: „Derwall vorbei- Franz: Bin bereit!“ Dabei war Derwall noch gar nicht zurückgetreten. Zwei Tage später trat er dann zurück. Er hatte eingesehen, dass es für ihn keinen Sinn mehr machte, seinen bis 1986 datierten Vertrag zu erfüllen. Er war der bis dato der erste Bundestrainer, der von seinem Amt vorzeitig zurücktrat. “Das Klima ist vergiftet und ich klammere nicht an meinem Posten“. Wenige Tage später wurde Franz Beckenbauer offiziell zu seinem Nachfolger ernannt. Beckenbauer war seit Mitte 1982 Kolumnist bei der „BILD“. Er kommentierte auch die EM 1984 und wies mit „dezenter Fachkunde“ auf Derwalls taktische Fehler hin.
Derwall wechselte anschließend als Trainer zu Galatasaray Istanbul und gilt bis heute als „Vater des modernen Fußballs“ in der Türkei. In vier Jahren holte er zwei Meistertitel und einen Pokal-sieg. Und er legte den Grundstein für die vielen deutschen Trainer, die nach ihm in die Türkei kamen (Christoph Daum, Joachim Löw, Holger Osieck oder Karl-Heinz Feldkamp). Galatasaray bot ihm einen lebenslangen Vertrag an, doch er kehrte 1989 nach Deutschland zurück und arbeitete dann noch einige Zeit als Kolumnist für den „KICKER“. „Erst am Bosporus wurde Jupp Derwall ein Held“, titelte „DER SPIEGEL“ 2007 in seinen Nachruf für Jupp Derwall.
So viel für heute.
Viele Grüße aus dem Schwarzwald
Bernhard
besoe/ 26.08.26